Jesús Monclús
Leiter der Abteilung für Prävention und Verkehrssicherheit
Stiftung MAPFRE

Einmal zu Weihnachten, als ich sieben Jahre alt war, erzählte mir mein Vater, dass es weder Handy noch Internet gab, als er klein war. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich erinnere mich, dass mein Vater damals für etwas arbeitete, was er „Verkehrssicherheit“ nannte und was – darauf legte er großen Wert – dringend nötig war, weil jedes Jahr in Spanien mehr als 1.500 Personen bei Verkehrsunfällen starben und über 10.000 schwer verletzt wurden. Unglaublich, nicht wahr? Am unglaublichsten war, dass es in manchen Jahren über 9.000 Todesopfer gegeben hatte. Doch, das ist alles wahr. Mein Vater reiste auch viel, weil das Gleiche (oder sogar noch Schlimmeres) in jedem Land der Erde geschah. Heute, außer in wenigen Ausnahmefällen, kommt so etwas nicht mehr vor.

Ich stelle mir gern vor, wie meine Tochter Inés so mit ihren Kindern redet. Eines Tages, so Gott will. Und im Grunde bin ich überzeugt, dass es so kommen wird. Denn ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass das Ziel von null Schwerverletzten oder Toten in Verkehrsunfällen, das sich die Stiftung MAPFRE im Jahr 2015 formal gesetzt hat, völlig machbar und mittelfristig erreichbar ist. Für diese Schlussfolgerung stützten wir uns auf eine unserer letzten Studien, die 2015 veröffentlicht wurden und in denen wir Daten und konkrete Quantifizierungen vorlegen. Lassen Sie mich im Folgenden einige der Hauptschlussfolgerungen zusammenfassen.

Der erste Bericht, den ich zitieren möchte, heißt „Der Beitrag der Fahrbahn zur Verbesserung der Verkehrssicherheit in Spanien“. In dieser Studie, die in Zusammenarbeit mit dem spanischen Straßenverband erarbeitet wurde, konnten wir zeigen, wie durch Straßen mit getrennten Fahrspuren (Autobahnen und Schnellstraßen) in den letzten zehn Jahren das Leben von mindestens 18.370 Personen in Spanien gerettet wurde. Anders gesehen ergibt eine Hochrechnung: Wenn alle gewöhnlichen spanischen Straßen (mit einer Fahrbahn für jede Fahrtrichtung) das gleiche Sicherheitsniveau wie die sichersten Straßen (mit getrennten Fahrspuren) aufwiesen, könnten in unserem Land jedes Jahr insgesamt 752 Leben gerettet werden. Diese Zahl ist wichtig, denn sie bedeutet knapp die Hälfte aller Menschen, die jedes Jahr in Spanien bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen (1688 im Jahr 2014). Ihre besondere Relevanz liegt auch darin, dass es sich um eine einfache und klare potenzielle Verbesserungsmaßnahme handelt, die mit dem Design und der Technologie möglich wäre, die bereits jetzt verfügbar sind und genutzt werden.

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Konkret würde die massive Nutzung der Formel 2+1 für derzeit nicht ausgebaute spanische Straßen – d.h. der Ausbau zu Straßen mit zwei Fahrbahnen in eine Richtung und einer Fahrbahn in die andere Richtung, wobei alle 5 bis 10 km abgewechselt wird, um jeweils das Überholen zu ermöglichen – schon alleine bis zu 338 Todesopfer vermeiden. Zudem schätzt die Studie, dass eine Sanierung der Straßenränder die Anzahl der Unfälle um 30 bis 35% und die Zahl der Todesopfer um ca. 15% verringern könnte. Aber außerdem – und das ist für mich der überraschende Fakt – könnte eine weitere ganz einfache und preiswerte Maßnahme, nämlich das Aufbringen von profilierten Markierungslinien mit akustischer Wirkung zur Trennung der Fahrbahnen und Markierung des Straßenrandes, nicht weniger als 52% der Unfallopfer vermeiden, die infolge von Unfällen durch Abkommen von der Fahrbahn entstehen, einem der tödlichsten Unfalltypen.

Die zweite Studie trägt die Überschrift „Der Preis der Sicherheit“ und analysiert die Verbesserungen bei der Sicherheitsausstattung der Fahrzeuge in den letzten Jahren. Zunächst weist die Studie auf die generelle Verbesserung der Sicherheit hin (wozu die Bewertungen in unabhängigen Crashtests mit in Spanien verkauften Fahrzeugen herangezogen wurden) und bewertet dann die Kosten, die es bedeuten würde, in ein Dutzend der in Spanien meistverkauften Fahrzeuge verschiedene Sicherheitselemente einzubauen, die sich bei der Vermeidung von Unfällen und Verletzungen als sehr effizient erwiesen haben: Warnsysteme bei Frontalzusammenstoß mit automatischer Bremsung, aktive Geschwindigkeitskontrollen, Warnsysteme bei unbeabsichtigtem Fahrbahnwechsel oder seitliche Vorhang-Airbags. Der Preis dieser Sicherheitssysteme (daher der Name der Studie) ist hoch, aber vergleichbar mit oder sogar günstiger als die Kombination eines teureren Lacks und größerer Felgen bzw. dem Einbau eines stärkeren Motors oder den Kosten vieler Komfortelemente im Inneren, die wenig oder nichts zur Verkehrssicherheit beitragen. Darauf stützt sich der Vorschlag der Stiftung MAPFRE, dass jeder bei der Auswahl eines Fahrzeugs dem Zubehör Vorrang geben sollte, das sein Leben retten kann.

Die Studie hebt hervor, dass der Käufer in bestimmten Fällen für den Kauf der genannten Sicherheitsausrüstung bis zu 74% mehr als für das Grundmodell zahlen muss. Bedauerlich ist – vor allem, wenn es um Menschenleben geht -, dass fast der ganze Aufpreis für Systeme ausgegeben werden muss, die nicht der Sicherheit dienen, aber gewählt werden müssen, um die verfügbaren Verletzungsschutzelemente zu erhalten. Daher lautet die erste Empfehlung, mit der der Bericht schließt, dass die Automobilhersteller diese Sicherheitssysteme mit nachweislicher Effizienz serienmäßig anbieten sollten, oder zumindest als Op­tion für alle Modelle (auch die preiswertesten) und in allen Versionen und Motorausführungen, auch den grundlegenden und weniger leistungsstarken. Die Studie betont auch, dass die Verletzungspräven­tionssysteme, falls sie optional sind, unabhängig und nicht als Bestandteil von Paketen mit anderen als Sicherheitselementen angeboten werden sollten, da diese Formel, wie gesagt, den Endpreis des Fahrzeugs oft drastisch erhöht.

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Die Studie schlägt den Vertragshändlern auch vor, Fahrzeuge mit mehr Sicherheitssystemen auszustellen oder als „Kilometer 0“ zuzulassen. Wir raten dem Leser, es selbst auszuprobieren und bei einem der Händler nachzufragen, ob die Fahrzeuge im Showroom oder im Lager über alle vom Hersteller angebotenen Sicherheitselemente verfügen…. Auch Mietauto- oder Leasing-Unternehmen und die Verantwortlichen für die Ausschreibung von Fahrzeugflotten (öffentlich oder privat) werden aufgefordert, nach und nach immer mehr Sicherheitsanforderungen für ihre Fahrzeuge einzuschließen. Alles, was zur Verbesserung der Fahrzeugsicherheit führen kann, zählt.

Um aber die Fahrzeugsicherheit zu fördern und erschwinglicher zu machen, lädt die Stiftung MAPFRE auch die öffentlichen Behörden ein, das Ihre zu tun: Sie müssen eine aktive Rolle bei der Förderung dieser Systeme übernehmen, die zwar hohe Entwicklungs- und Herstellungskosten bedeuten, die abgeschrieben werden müssen, deren Stückkosten aber signifikant sinken, wenn die Anzahl der damit ausgestatteten Fahrzeuge steigt. Hier kommt der allgemein bekannte Größenvorteil zum Tragen. In dieser Hinsicht sind die öffentlichen Stellen gefragt. Ihre Aufgabe ist nicht nur, fortlaufend die Vorschriften zur Fahrzeugzulassung zu verbessern, sondern auch für die Verbreitung der Informationen zu den neuen, fortgeschrittenen Fahrzeugsicherheitssystemen zu sorgen, um deren Nachfrage bei den Autofahrern zu erhöhen und den Einbau mittels Senkung der Zulassungsgebühren, Mehrwertsteuer, städtischer Kraftfahrzeugsteuer und Parkgebühren u.a. zu fördern. Genauso wird verfahren, wenn es darum geht, den Verbrauch oder den Schadstoffausstoß zu senken.

Glaubt wirklich noch jemand, dass die Fahrzeugsicherheit unwichtig ist? Hier einige Daten. Heute gibt es Technologien, um die überwiegende Mehrheit der Verkehrsunfälle und -verletzungen zu verhindern. Volvo hat zum Beispiel bereits angekündigt, dass bis zum Jahr 2020 niemand mehr schwer verletzt werden oder sterben soll, der als Beifahrer in einem seiner Fahrzeuge der neuen Generation sitzt. Auf anderer Ebene sind die Unfallstatistiken von Spanien der beste Beweis. Bei einem Unfall ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Insassen eines Fahrzeugs stirbt, bei einem 12-15 Jahre alten Fahrzeug doppelt so hoch wie bei einem neuen Fahrzeug. Aber in den letzten Jahren war das Durchschnittsalter der an Unfällen mit Verletzungen beteiligten Fahrzeuge eben 11-12 Jahre. Welche Schlüsse lassen sich aus den obigen Daten ziehen? Wären wir fähig, diese Fahrzeuge mit 12-15 Jahren auf dem Rücken (oder besser gesagt, auf den Rädern), die derzeit auf unseren Straßen verunglücken, durch neue Wagen zu ersetzen, so könnten wir die Anzahl der Toten um die Hälfte reduzieren. Natürlich kann das nicht von heute auf morgen geschehen; es ist aber dennoch ein Maß für das Potenzial der Verletzungsprävention, das die heutige Fahrzeugtechnologie bereits bietet.

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Die Verbesserungen auf den Straßen und an den Fahrzeugen sind aber bei weitem nicht die einzigen möglichen Maßnahmen. Im September 2015, zur gleichen Zeit, als wir der Gesellschaft formal unsere Kampagne „Ziel Null“ vorstellten, veröffentlichten wir auch eine weitere Studie über „Strategische europäische Pläne zur Verkehrssicherheit“, in der wir die Strategien zur Verkehrssicherheit von über einem Dutzend europäischer Länder sowie die neuesten Richtlinien und konkreten Vorschläge, die von der Europäischen Kommission vorgebracht wurden, analysierten. Zudem stellten wir zwei Dutzend vorrangige Maßnahmen vor, die unserer Meinung nach noch ein großes Verbesserungspotenzial für die Verkehrssicherheit beinhalten, entweder, weil sie noch nicht eingeführt sind oder weil sie nur zögerlich umgesetzt wurden.

Hinsichtlich des menschlichen Faktors, also der sicheren Fahrer, schlug diese letzte Studie vor, weiter auf Verkehrserziehung zu bestehen und ab jetzt besser auf das Beispiel zu achten, dass die Eltern, Großeltern, Lehrer usw. den Kindern geben. Zudem seien die Aktionen auszuweiten, um gegen eines der Probleme anzukämpfen, das in den letzten Jahren am stärksten zugenommen hat: die Drogen. Und natürlich nicht zu vergessen der Alkohol, der auch heute noch die meistgenutzte Droge in unserer Gesellschaft ist. Wir glauben zudem, dass während des ganzen Erwachsenenlebens an der fortlaufenden Weiterbildung der Fahrer und sonstigen Verkehrsteilnehmer (auch der Fahrradfahrer) gearbeitet werden muss. Diese Weiterbildung muss auch Kenntnisse in erster Hilfe umfassen: Die gesamte Gesellschaft muss lernen, wie bei einem medizinischen Notfall zu reagieren ist. Ebenfalls in Anbetracht des menschlichen Faktors halten wir es für nötig, dem Beispiel anderer europäischer Länder zu folgen und die Vorteile eines stufenweisen Führerscheinerwerbs (engl.: Graduated Driving Licence bzw. GDL) weiter auszuwerten und zu untersuchen.

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Wir müssen besonders an die immer stärker vertretenen älteren Verkehrsteilnehmer denken und ihnen Straßen und Fahrzeuge, die ihren Fähigkeiten entsprechen, sowie Programme zur Kenntnisauffrischung und Verbesserungen bei der Untersuchung ihrer Leistungen bieten. Überhaupt müssen generell alle Elemente des Verkehrssystems bei Bedarf überarbeitet oder neu konzipiert werden, einschließlich der Vorschriften. Als Ausgangspunkt ist eine umfassendere und bessere Untersuchung der Zusammenhänge zwischen dem Älterwerden und der Verkehrssicherheit erforderlich. Wir wissen, dass die schweren Unfälle mit älteren Menschen in den letzten Jahren zugenommen haben, es ist aber nicht bekannt, ob dies auf abnehmende Kapazitäten zurückzuführen ist oder auf eine fehlende Anpassung an ein Verkehrssystem, das an ältere Teilnehmer neue Anforderungen stellt.

Die Stiftung MAPFRE schlägt das Konzept des „Fahrers 4.0“ vor, der nicht einfach die Vorschriften einhält (was ja offensichtlich noch nicht optimal funktioniert), sondern solidarischer und kooperativer fährt, insbesondere bei der Interaktion mit den schwächeren Verkehrsteilnehmern: Fußgängern, Radfahrern und Motorradfahrern. Eine der innovativsten und inspirierendsten Initiativen in dieser Richtung ist mit Sicherheit das Programm Emotional Driving von Gonvarri: ein großes Lob für die Initiative an alle Mitarbeiter der Gruppe.

Pythagoras wurde mit seinem Satz berühmt, der besagt, dass „die Summe der Flächeninhalte der Kathetenquadrate gleich dem Flächeninhalt des Hypotenusenquadrates“ ist. Aber außerdem hat er etwas gesagt, was meiner Meinung nach noch wichtiger ist: „Erzieht die Kinder, dann braucht ihr die Männer nicht zu strafen“. Daher setzt sich die Stiftung MAPFRE so stark für die Verkehrserziehung der Kinder ein, um Verletzungen zu verhindern und die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Laut unserem „1. Gradmesser der Verkehrserziehung in Spanien“ hat eine von drei Schulen noch kein Programm, das sich der Verkehrs­erziehung widmet, und nur einer von fünf Lehrern ist spezifisch in diesem Bereich ausgebildet. Dies, obwohl die Verkehrserziehung in den Schulen verbindlich vorgeschrieben ist, seit in Artikel 7 der Straßenverkehrsordnung aus dem Jahr 1934 (nein, das ist kein Fehler: vor mehr als achtzig Jahren) festgelegt wurde, dass „die Lehrer aller Schulen, seien sie öffentlich oder privat, verpflichtet sind, ihre Schüler die allgemeinen Verkehrsregeln und die Wichtigkeit von deren vollständiger Einhaltung zu lehren und sie auf die großen Gefahren hinzuweisen, denen sie sich beim Spielen auf den Fahrbahnen öffentlicher Straßen, beim plötzlichen Herausrennen aus den Schulgebäuden usw. aussetzen.“

Was nach meiner bescheidenen Meinung an diesem Gradmesser am stärksten auffällt, ist, dass nicht wenige Eltern zugeben, ihren Kindern im Verkehr kein gutes Beispiel zu sein… Dabei sind gerade die Eltern die wichtigsten Erzieher ihrer Kinder, zusammen mit den Großeltern und sonstigen Verwandten! Eines muss klar sein: Wenn sich herausstellt, dass in der Familie keine gesunden und sicheren Gewohnheiten gelehrt werden, werden unsere Kinder zukünftig sehr wahrscheinlich weiterhin Unfälle bauen. Am besorgniserregendsten ist, wie die Studie enthüllt, dass die Vorschriften, die die Väter und Mütter ihren Aussagen nach am häufigsten verletzen (Geschwindigkeit, Verwendung des Sicherheitsgurts, Ablenkung und aggressives Fahren usw.) genau die Faktoren sind, die hinter der größten Anzahl Unglücke und Verletzungen im Straßenverkehr stehen. Ich bitte Sie inständig: Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal vor den Augen eines Kindes eine Straße überqueren, ohne auf die Ampel oder den Fußgängerübergang zu achten.

Abschließend möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass eine andere Gesellschaft denkbar ist: eine bessere, nachhaltigere Gesellschaft ohne Schwerverletzte und Verunglückte im Straßenverkehr. Wir sind überzeugt: Sobald wir wirklich daran glauben, haben wir es schon halb geschafft. Den Rest des Weges werden wir dann einfacher bewältigen können. Wir glauben, dass dies ein grundlegender Teil dessen ist, was „wirklich wichtig ist“. Aber natürlich sind Sie in Wahrheit das „wirklich Wichtige“, Sie, Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihre Arbeitskollegen…

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