Carlos Sainz

Zweifacher Rallye-Weltmeister, Sieger der Rallye Dakar und Unternehmer

Seit jeher bin ich besonders sensibel, was das Thema Verkehrssicherheit angeht. Aus diesem Grunde beteilige ich mich seit Jahren an der Kampagne „Pónle freno” (Zieh die Bremse an) und arbeite zusammen mit der Stiftung RACC an Untersuchungen und Kampagnen, um der Gesellschaft – besonders der Jugend – ins Bewusstsein zu bringen, wie wichtig eine sicherere, vorsichtigere und bewusstere Fahrweise ist. Wenn man sich die Statistiken und die Anzahl der Unfälle näher anschaut, die Zahl der Unfalltoten und Schwerverletzten, so sieht man, dass die Verkehrsunfälle in Spanien weiterhin ein schwerwiegendes Problem darstellen. Obwohl in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht wurden und sich die von der spanischen Verkehrsbehörde veröffentlichten Zahlen ständig verbessert haben, reicht das nicht aus. Es kann in diesem Bereich nicht genug getan werden.

Es ist mir deshalb eine besondere Freude, mich am Projekt Emotional Driving zu beteiligen. Ich bin nicht nur mit der Familie Riveras befreundet, sondern halte auch alle Maßnahmen in diesem Sinne für eine großartige Idee und für absolut notwendig. Die mit dem Automobilsektor so eng verbundene Gruppe Gonvarri/Gestamp beweist mit dieser Initiative ihre Sorge angesichts dieses realen Problems in einem Bereich, in dem das Unternehmen Vorreiter ist und zu dem es viel beitragen kann. Für mich ist diese Initiative ein großer Erfolg. Meinen Glückwunsch und Dank für diese großen Anstrengungen für das Wohlergehen und die Verkehrssicherheit, die uns allen zugutekommen.

Alle Maßnahmen für Verkehrssicherheit, Vorsorge und ein wachsendes Bewusstsein sind willkommen. Es geht hier um einen konstanten Kampf. Die Unfallquoten werden sich verbessern, das ist sicher, sind aber noch zu hoch. Ich fühle eine besondere Verpflichtung der Jugend gegenüber. Unter den jungen Leuten ist die Unfallquote erschreckend hoch, besonders an den Wochenenden.

Wie gesagt haben wir in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte hinsichtlich der Verkehrssicherheit gemacht. Sowohl bei den Fahrzeugen und den Straßen, den Fahrern und der Sensibilisierung der Fahrer und der allgemeinen Gesellschaft sind wir sehr viel weitergekommen. Seit den guten alten Scheibenbremsen bis hin zu den aktuellen ABS und ESP, mit denen heutzutage praktisch alle Serienfahrzeuge ausgestattet sind, der Servolenkung, den Sicherheitsgurten für die Rücksitze, den Reifen und den Airbags haben die Fahrzeughersteller umfangreiche Mittel in Innovation investiert.

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Auf der anderen Seite dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Straßen ebenfalls eine Schlüsselrolle für die Verkehrssicherheit spielen. Vielleicht ist es ja eine Art „Berufskrankheit”, aber ich achte besonders genau auf den Asphalt, bei dem es enorme Unterschiede gibt. Ich beziehe mich hier nicht lediglich auf das Fahren bei Regen, wenn man völlig entspannt auf Straßen fährt, auf denen praktisch kein Spritzwasser entsteht, und es dann plötzlich auf eine andere Art Asphalt übergeht, wo Spritzwasser die Sicht behindert. Auch auf einem trockenen Asphalt kann es Probleme geben wegen der Griffigkeit der Straße, der Aggressivität des Asphalts usw. Das ist ein grundlegender Faktor für die Verkehrssicherheit, ebenso wie die Verkehrszeichen, die Beschaffenheit der Straßen und die gute Sicht, diese Gefahrenschwerpunkte, an denen es immer wieder zu Unfällen kommt. In unserer Plattform „Pónle freno” (Zieh die Bremse an) arbeiten wir intensiv an diesen Problemstellungen.

Ebenso wichtig wie die Fortschritte auf dem Gebiet der Verkehrssicherheit ist, die Gesellschaft im allgemeinen und auch die Kinder zu sensibilisieren. Heutzutage sind es schon die Kinder, die sagen, „Papi, auf dieser Straße dürfen wir nur 40 fahren” oder „Du hast dir ja den Sicherheitsgurt nicht angelegt” oder „Jetzt dürfen wir die Straße nicht überqueren. Siehst du nicht, dass die Ampel rot ist?” Die in den letzten Jahren durchgeführte Sensibilisierung der Kleinsten trägt jetzt ihre Früchte. Der von der spanischen Verkehrsbehörde angestoßene Verkehrsunterricht, der bis dahin in Spanien noch nicht eingeführt war, ist die beste aller Investitionen in Sicherheit und Vorsorge. Zweifellos haben wir hier einen großen Schritt nach vorne gemacht. Es kann nie genug getan werden, aber die Verkehrserziehung an den Schulen ist ganz sicher ein guter Anfang. Aber wir müssen nicht nur an die Schulkinder denken, sondern auch an die Erwachsenen.

Wenn ich um einen Ratschlag zum Thema Verkehrssicherheit gebeten werde, oder wenn man mich fragt, was einen guten Fahrer ausmacht, antworte ich immer dasselbe: Höre auf deinen gesunden Menschenverstand. Wenn du fährst und dich plötzlich einer kritischen Situation gegenübersiehst – Regen, Schnee, schlechte Sicht, große Verkehrsdichte –, dann sind die Verkehrszeichen nicht mehr so wichtig. Du musst selbst die Geschwindigkeit einschätzen, die du fahren kannst, den Sicherheitsabstand, deine Konzentration, oder du musst sogar nach einer Tankstelle Ausschau halten, wo du warten kannst, bis das Unwetter oder der Nebel nachlässt.

Natürlich gibt es Regeln, aber vielleicht liegt die Geschwindigkeitsbegrenzung bei 120 km/h und aber du fährst trotzdem besser nur 60 km/h. Du hast die Wahl, höre auf deinen gesunden Menschenverstand und richte dich nicht nur nach den Wetterbedingungen. Manchmal ist es besser, auf einer zweispurigen Straße nicht zu überholen, obwohl das dort zulässig ist, ganz einfach, weil die Sicht nicht gut ist oder der Abstand nicht ausreicht, um sicher zu überholen, oder weil du Zweifel hast. Unter diesen Umständen ist es immer besser, auf den eigenen gesunden Menschenverstand zu hören. Das ist der beste Tipp, den ich dir geben kann.

Es steht ja hier viel für uns auf dem Spiel. Nicht mehr und nicht weniger als das eigene Leben und manchmal das Leben unserer Lieben, anderer Personen, Fahrer oder Fußgänger. Das dürfen wir nie vergessen, auch wenn wir viel Erfahrung haben… oder zumindest zu haben glauben. Das Risiko ist immer da und die Sorge auch.

Mein Fall liegt vielleicht ein bisschen anders, ich fahre seit vielen Jahren Rennen, auf risikoreichen Strecken wie der Rallye Dakar. Als Vater habe ich mich um meine Kinder geängstigt, um alle meine Kinder, sowohl auf Rennstrecken (wie bei meinem Sohn Carlos) als auch im Straßenverkehr. Diese Ängste sind unterschiedlicher Art, aber eben Ängste. Ich weiß, dass ein Formel 1 Rennen voller Risiken ist. Der Unfall meines Sohnes Carlos bei den Trainingsfahrten für den großen Preis von Russland war z. B. ein schwerer Schlag, aber ohne große Konsequenzen, dank der Innovation und der Vorsorge der Hersteller und Veranstalter hinsichtlich der sechs Punkte-Sicherheit, des berühmten HANS („Kopf- und Halsstütze” auf Englisch), der die Verletzungen stark einschränkt, der von der FIA vor der Zulassung eines Rennwagens vorgenommenen Aufprallversuche, des Sechspunkt-Sicherheitsgurts, des Kohlenstofffaserhelm und der Seitensicherung, die den brutalen Aufprall im hohen Maße auffing. Dank dieser Innovationen blieb Carlos am Leben. Wenn sich dieser Unfall in einem Einsitzer und auf einer Rennstrecke von vor zwanzig Jahren ereignet hätte, wäre es zu einer Tragödie gekommen.

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Das ist ein klares Beispiel für die Entwicklung im Bereich Sicherheit und deren Auswirkungen auf das Fahrzeug, die Rennstrecke und den Rennfahrer.

Aber über den Rennsport hinaus ist das Wichtigste unser tägliches Fahrverhalten, auf der Straße und im Stadtverkehr. Das Wichtigste ist, dass wir uns der Verantwortung bewusst werden, die wir übernehmen, wenn wir in ein Fahrzeug steigen. Das Wichtigste ist, dass wir lernen, umsichtig zu fahren. Das Wichtigste ist, dass wir die Unfallquoten, die Anzahl der Verkehrsunfälle und Verkehrsopfer verringern. Der Schlüssel hierzu ist die Verkehrserziehung. Die Erziehung zum sicheren und respektvollen Verkehrsverhalten.

Im Carlos Sainz Center bieten wir Kart-Einsteigerkurse für Kinder an, weil wir wissen, dass es immer wichtiger, notwendiger und wirksamer wird, die Verkehrs­erziehung bereits im Alter von 7 oder 8 Jahren zu beginnen, und jetzt sogar ab 4 Jahren, auf einer aufblasbaren Minirennstrecke. Es freut mich, dass die Kinder immer früher und spielend fahren lernen. Und andere zu respektieren. Ich bin ehrlich gesagt davon überzeugt, dass wir Unfälle am besten vermeiden können, indem wir anderen mit Respekt begegnen und vor allen Dingen, wenn wir uns stets dessen bewusst sind, dass eine Reihe von Umständen leicht zu einem Unfall führen kann.

Der Cocktail Jugend, Alkohol und Nachtstunden hat nach wie vor schreckliche Auswirkungen. Ich glaube aber, dass die Jugend sich heutzutage dessen mehr bewusst ist als noch vor einigen Jahren. Es gibt bedeutende Fortschritte: sich am Lenkrad abwechseln, auf ein Taxi ausweichen, die Alkoholkontrollen und der Führerschein nach Punkten. Obwohl die Anzahl der Unfälle unter jungen Leuten weiterhin haarsträubend ist, ist sich die Jugend immer mehr bewusst, dass Entscheidungen dieser Art Vorsichtsmaßnahmen sind, die Leben retten können.

Hierfür sind die TV-Kampagnen zur Sensibilisierung und mit Ratschlägen von grundlegender Wichtigkeit. Das Problem ist aber, dass solche Kampagnen nicht nur sporadisch durchgeführt, sondern immer wieder wiederholt werden sollten. Es kommen ja immer neue Fahrer hinzu, Botschaften werden besser verinnerlicht, wenn sie immer wieder wiederholt werden, und es gibt immer Ratschläge, die man noch nicht kennt und an die man in einem bestimmten Moment denkt… Diese Kampagnen sollten nicht nur in den Kommunikationsmedien und an den Schulen durchgeführt werden. Initiativen wie Emotional Driving, zunächst für die eigenen Mitarbeiter bestimmt, sind meiner Meinung nach absolut erforderlich und beispielhaft für alle.

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