Martin Bernhardt
Direktor Qualitätswesen Mitteleuropa
Gonvarri Steel Services

Lieber Leser: Mit diesem kleinen Beitrag zu dem Buch, das du in den Händen hältst, möchte ich dir von meiner eigenen Erfahrung als Autofahrer berichten. Vielleicht kommen dir einige Punkte, die ich erwähne, bekannt vor. Es ist ja häufig so, dass wir weder Schaden erlitten noch ihn anderen zugefügt haben. Aber was ist mit denen, die dieses Glück nicht gehabt haben? Verkehrsunfälle bringen großes Leid mit sich. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Bist du dir dessen bewusst, wie viel von deiner täglichen Arbeitszeit du dienstlich auf der Straße unterwegs bist? 5% deiner Arbeitszeit, 25%? Hast du schon einmal daran gedacht, wie viele Kilometer du jährlich aus beruflichen Gründen am Lenkrad sitzt? 20.000 Kilometer, 40.000 Kilometer? Hast du das schon einmal gezählt? Natürlich gibt es viele Personen, die aus beruflichen Gründen die gefahrenen Kilometer zählen müssen, weil sie Berufsfahrer sind, oder weil ihr Unternehmen dies für die Buchhaltung benötigt. Und du? Ich kann dir eine ehrliche Antwort darauf geben, was mich angeht. Ich habe zehn Jahre lang als Direktor des Qualitätswesens und Projektleiter im Automobilbereich gearbeitet, ohne mir dessen jemals bewusst zu sein. Ich nehme an, dass einige von euch in derselben Situation sind. Natürlich haben wir alle eine grobe Schätzung wie etwa: Na ja, diesen Firmenwagen habe ich 2014 erhalten und seitdem bin ich wohl ca. X Kilometer für das Unternehmen gefahren. Sicher legt mein Kollege, der Kundenbetreuer ist, noch mehr Kilometer zurück, aber das ist normal, er arbeitet schließlich im Verkauf und das ist seine Arbeit. Und dann haben wir da diesen anderen Kollegen, der für einen kleinen Kunden zuständig ist und der nicht so viel reisen muss, dem geht es gut. So dumm war ich lange Zeit, ohne mir wirklich dessen bewusst zu sein, was wir da so machten, die anderen und ich selbst, während wir dienstlich auf der Straße unterwegs waren.

Heute gebe ich zu, welches Glück ich gehabt habe, dass einige wichtige Ereignisse in meinem Leben meinen Starrsinn in dieser Hinsicht geändert haben. Ich möchte hier noch kurz vorausschicken, warum ich so dachte und wie mein Verhalten war. Bitte sieh das nicht als einen Versuch meinerseits an, mich zu rechtfertigen, sondern als eine Geschichte, aus der wir lernen können.

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Vor Jahren war der einzige größere Unfall, in den ich verwickelt war, dass ich einen Hirsch überfuhr. Das ist jetzt über achtzehn Jahre her, als ich noch Fahranfänger war. Es war Ende Herbst auf einer Landstraße an einer Waldgrenze, als ich nach einem Handballtraining nach Hause fuhr. Ich fuhr 115 km/h, 15 km/h mehr, als auf Landstraßen dieser Art erlaubt ist. Der Hirsch erschien rechts neben dem Weg und rannte bis zur Mittellinie. Ich reagierte ganz typisch, indem ich auf das Bremspedal trat, auf die Hupe drückte und mit dem Fernlicht blinkte. Der Hirsch kehrte an den Rand der Landstraße zurück, und ich fühlte mich erleichtert… bis er plötzlich erneut auf die Straße sprang. Nach dem Zusammenstoß mit meinem Wagen bei 70 km/h war das arme Tier sofort tot. Nach einigen Umdrehungen um 360º kam das Auto auf der gegenüberliegenden Fahrspur zum Stehen. Mein Herz klopfte wie wild. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte, rief ich die Förster an, die sich in Deutschland um Unfälle mit Tieren kümmern. Nach einiger Zeit war ich in der Lage, die wenigen Kilometer bis zu meinem damaligen Zuhause zurückzulegen. Das einzige, was ich aus diesem Unfall gelernt hatte, war, dass ich langsamer fuhr. Ich hatte also nicht viel daraus gelernt, das ist sicher.

Danach war ich weiterhin ein Fahrer, für den das Thema Verkehrssicherheit nicht besonders viel bedeutete. Als Student machte ich mir einen Spaß daraus, mit meinem alten Volkswagen Golf, Baujahr 1986, nach den ersten großen Schneefällen auf den Landstraßen zu fahren, bevor die Schneeräumungskommandos ihre Arbeit getan hatten. Mit ziemlicher Geschwindigkeit ziellos auf verschneiten Straßen zu fahren, machte mir damals riesigen Spaß.

Vielleicht wäre es übertrieben zu sagen, dass ich mich damals „unverletzbar” fühlte, als Erklärung für dieses dumme Verhalten von mir, aber ich glaubte tatsächlich, dass ich so gut und sicher fuhr, dass mir nichts zustoßen konnte. Mit dieser Idee stieg ich nach Abschluss meines Studiums ins Berufsleben ein und arbeitete schon bald als Qualitätsingenieur in einer Kundendienstabteilung der Gruppe Volkswagen. Im Rahmen dieser Tätigkeit war ich viele Stunden unterwegs, um meine Kunden zu besuchen. Die Tatsache, dass ich jung war, mit einer guten Stellung auf einem interessanten Sektor voller Herausforderungen und mit wirklich guten Produkten, steigerte noch diese dumme Einbildung von mir, ich könne so fahren, wie es mir passte.

Zum Irrtum meiner Selbstüberschätzung kam mein Ehrgeiz, auf meinem Arbeitsplatz eine gute Position einzunehmen und schnell befördert zu werden. Das war richtunggebend für mein schlechtes Fahrverhalten der damaligen Zeit, bei dem Folgendes charakteristisch für meinen Fahrstil war:

Für mich war es normal, große Entfernungen ohne Pausen zurückzulegen, anstatt zu übernachten und am nächsten Morgen ausgeruht weiterzufahren. Ich war sogar noch stolz darauf, lange Strecken zu fahren ohne anzuhalten, mit anderen Kollegen zu wetteifern und mich gut zu fühlen, wenn ich mehr Kilometer gefahren war als sie.

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Geschwindigkeitsbegrenzungen wurden von mir ignoriert oder überschritten, da ich sobald wie möglich beim Kunden erscheinen wollte. Deshalb warf ich auch immer ein Auge auf die Radaranlagen. Für mich waren die Verkehrspolizisten nichts anderes als „Wegelagerer”, die den armen Leuten, die schnell ans Ziel kommen mussten, um ihre Arbeit zu leisten, Geld abnahmen. Kennst du das auch? Du achtest so sehr auf die Navigationssysteme, dass dir die Verkehrszeichen auf der Straße, einschließlich der Geschwindigkeitsbegrenzungen entgehen? Ich war ein klares Beispiel dafür

Die Folge dieses Fahrverhaltens von mir waren viele Geschwindigkeitsüberschreitungen, einige mit saftigen Strafzetteln Aber auch hier hatte ich Glück, ich erhielt nie ein Fahrverbot von mehr als einem Monat.

Eine andere schlechte Gewohnheit von mir war es, übermüdet zu fahren. Üblicherweise machte ich viele Geschäftsreisen hintereinander oder fuhr früh morgens nach Hause nach einem Abendessen mit Kunden, das sich bis in die frühen Morgenstunden hingezogen hatte.

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Und noch etwas: Weshalb ein öffentliches Verkehrsmittel nehmen, wenn man einen Firmenwagen hat. Damit bist du flexibler und Herr über deine Zeit. Züge sind nicht immer pünktlich… Und wenn du die Zeit berücksichtigst, die du bis zum Flughafen brauchst, ist es besser, den Wagen zu nehmen.

Und wie ist das mit der Arbeitsinformation, die du nachprüfst oder versendest, während du fährst? Vor einigen Jahren war es noch nicht verboten, mit dem Handy am Ohr am Lenkrad zu sitzen. Das änderte sich dann, und ich ließ es bleiben, um Strafmandate zu vermeiden. Aus Sicherheitsgründen die Freisprechanlage zu benutzen, ist ein Fortschritt. Aber ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie sehr man beim Telefonieren im Auto abgelenkt ist. Manchmal beendet man ein Gespräch und wundert sich, weshalb man dicht hinter einem LKW oder nahe an der Fahrspurgrenze fährt. Man ist sich auch nicht ganz klar über die Strecke, die man während eines Telefonats zurückgelegt hat und auch nicht über die Verkehrszeichen. Das alles war mir damals keinen Gedanken wert. Damit du dir ein Bild davon machen kannst, wie ich damals über das Telefonieren im Auto dachte, möchte ich dir Folgendes erzählen: Vor einigen Jahren sah ich im Fernsehen eine Reportage über einen leitenden Mitarbeiter eines Unternehmens des Automobilsektors, der mir bekannt war, da seine Firma Kunde von Gonvarri war. Während dieses Interviews erklärte der Manager, dass er seinen Arbeitstag so einrichte, dass er die meisten wichtigen Telefonate während des Autofahrens erledigen konnte, um keine Zeit zu verlieren. Damals dachte ich: „Das ist wirklich ein engagierter leitender Mitarbeiter”.

Eine andere charakteristische Eigenschaft von mir war es, während des Fahrens Emails zu lesen und zu versenden. In Zeiten mit einem großen Emailaufkommen machte mir das nicht das Geringste aus. Ich war der Ansicht, dass das Lesen und Schreiben von Emails beim Fahren eine Pflicht war, um pünktlich zu informieren und informiert zu werden.

Jetzt im Rückblick, und wenn ich diese Themen aus der heutigen Perspektive sehe, ist mir vollkommen klar, dass ich in der Vergangenheit ein egoistischer und gefährlicher Autofahrer war. Es war mir nicht bewusst, in welchem Maße ich andere und mich selbst auf der Straße in Gefahr brachte.

Es gab dann mehrere Gründe dafür, dass ich mein Verhalten änderte. Als ich langsam älter wurde, begann ich definitiv zu überlegen, wie ich mich auf der Straße zu verhalten hatte. Nachdem ich dann einige Jahre verheiratet war, begann ich daran zu denken, dass es an der Zeit war, vernünftiger zu werden. Im Jahre 2013 kam meine Tochter zur Welt und mit ihr die Verantwortung für eine Familie, was einen dazu bringt, ruhiger zu werden und anders zu handeln. Dieser Prozess hat sich dann dank des Emotional Driving Challenge definitiv konsolidiert, als ich im Jahre 2015 an der zweiten Veranstaltung des Gonvarri Leadership Program (GLP) in Asturien teilnahm.

Mein erster Gedanke als ich das Werk betrat, in dem diese Veranstaltung stattfand, war die Dimension dieses Events. Es waren viele Leute dort, Mitarbeiter von Emotional Driving, Führungskräfte, Behördenvertreter, Mitarbeiter von Gonvarri, Feuerwehrleute, Polizisten und Vertreter anderer öffentlicher Dienstleistungen, der Publikationsmedien, des Catering, meine Kollegen vom GLP und ich selbst. Das war alles sehr beeindruckend, von einer Dimension, die ich nicht erwartet hatte. Ein Blick in die Augen meiner Kollegen bestätigte mir, dass sie ebenso dachten wie ich.

Auf die Vorträge der Führungskräfte folgte die Präsentation des Projektes Emotional Driving. An dem Event nahmen viele Leute aus verschiedenen Bereichen teil, so dass die Themen aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert wurden, einschließlich der Opfer von Verkehrsunfällen und der Rettungsdienste. Obwohl alles auf Spanisch ablief, einer Sprache, die ich nicht beherrsche, wurden die Themen so vorgestellt und visualisiert, dass wir ihnen mühelos folgen konnten, ohne die Sprache zu verstehen. Einige Teile des Events waren sehr emotiv. Die Risiken des Autofahrens standen an erster Stelle in den Berichten über reale Ereignisse, ergänzt durch sehr aussagekräftige Statistiken. An bestimmten Momenten der Veranstaltung kamen alle meine alten schlechten Fahrgewohnheiten zur Sprache, und dass machte einen tiefen Eindruck auf mich.

Die gesamte Infrastruktur der Veranstaltung war phantastisch. Es waren z. B. einige Simulatoren vorhanden. Mein Lieblingssimulator simulierte das Überschlagen eines Fahrzeugs. Zum Schluss stellte ich mein Post mit meinem motivierenden Satz neben den Botschaften der anderen Teilnehmer ein, in dem ich mich dazu verpflichtete, in Zukunft verantwortungsvoller zu fahren, für die Sicherheit auf der Straße, die anderen Fahrer, meine Kollegen, meine Familie und für mich selbst.

Definitiv war Emotional Driving Challenge für mich eine großartige Erfahrung, eine tolle Veranstaltung, die meiner Meinung nach auch an anderen Standorten von Gonvarri stattfinden wird. Ich bedanke mich bei allen an diesem Projekt Beteiligten und für die Gelegenheit mitzumachen zu dürfen.

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