Mar Cogollos
Generaldirektorin
AESLEME (spanische Vereinigung zur Erforschung von Rückenmarksverletzungen)

Man hat mir immer gesagt, dass ich ein Glückspilz sei, dass ich unter einem glücklichen Stern geboren wurde. Ich hatte einen Unfall, aber danach wurde ich neu geboren.

Ich war fünfundzwanzig, als es passierte. Ich hatte das Studium für Wirtschaftspsychologie abgeschlossen, ich tanzte leidenschaftlich gern Flamenco (wie eine Lola Flores), ich trieb viel Sport (Wasserski, Tennis, Gymnastik, Reiten, Segeln), ich war ein sehr aktiver Mensch, der jede Minute des Tages genoss. An jenem 20. September waren wir auf der Rückfahrt von einem Wochenende in einem valenzianischen Dorf, als der Unfall passierte. Es war eine Sekunde, eine kurze Ablenkung des Fahrers beim Wechseln der Musikkassette – und weil meine Kopfstütze falsch eingestellt war (am Hals statt im Nacken), wurde ich für den Rest meines Lebens vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. Sie holten mich durch das Fenster aus dem Wagen und legten mich auf dem Bauch auf den Boden, bis der Krankenwagen kam, der mich ins Krankenhaus La Fe von Valencia brachte. (Ich weiß noch, dass ich in der Aufregung, als sie mir das Kostüm aufschnitten, schrie: „Nein, das gehört meiner Schwester, die bringt mich um!“) Als ich aufwachte, lag ich auf dem Rücken in einem Krankenhausbett, mit einem Fixateur, der mit einem Gewicht von 40 Kilo an meinen Schläfen befestigt war, um die Wirbel gerade zu richten. So lag ich zwei Monate, ohne praktisch ein Glied zu rühren, nur ein wenig die Arme.

Es waren zwei Monate, in denen in mir trotz allem die Lust wuchs, aufzubrechen und das Leben zu genießen. Als sie mir dann den Fixateur abnahmen und mich in einen Rollstuhl setzten – allerdings mit einer Art Korsett, das mir den Hals und den Rücken stützte, ein schreckliches, sperriges Teil –, fing ich an, das Krankenhaus bei jedem Anlass zu verlassen: Verabschiedung einer Krankenschwester, Abendessen mit Freunden… Am 21. Januar, zwei Tage vor meinem Geburtstag, wurde ich in ein anderes Krankenhaus verlegt (Asepeyo, Coslada), und für meinen sechsundzwanzigsten Geburtstag organisierten sie eine Überraschungsparty, zu der an die hundertfünfzig Leute kamen. Das war das schönste und bewegendste Fest meines Lebens. Ein herrliches „Salve rociera“, das zwei meiner Flamenco-Freunde tanzten, brachte mich zum Weinen, weil mir in diesem Moment klar wurde, dass ich nie wieder eine Sevillana tanzen würde.

In den eineinhalb Jahren, die ich im Krankenhaus lag, übernahm ich die Rolle der Psychologin (was ja im Grunde auch mein Beruf war) und beschloss, dass ich dazu da war, anderen zu helfen und sie zu ermutigen. Ich hatte das Glück, dass in diesem Krankenhaus meine Mutter oder meine Schwester nicht mehr in einem Lehnstuhl schlafen mussten wie im Krankenhaus von Valencia; sie hatten ein Bett neben meinem und eine kleine Terrasse, auf der wir an sonnigen Tagen aßen. Weil außerdem nicht zu viele schwer verletzte Patienten da waren, konnte ich täglich zwei oder drei Stunden Beschäftigungstherapie und weitere zwei oder drei Stunden Physiotherapie und Schwimmen erhalten; das waren fünf Stunden Rehabilitation täglich für eineinhalb Jahre. Ein Luxus.

Jesús, damals mein Freund, war beim Militärdienst auf den Kanarischen Inseln und kam oft auf Kurzurlaub, um mich zu sehen. Es war eine Beziehung mit Unterbrechungen, aber als er schließlich den Militärdienst abgeschlossen hatte, nahmen wir die Beziehung wieder auf, und nach drei Jahren als Paar beschlossen wir zu heiraten.

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Kurz zuvor bot mir ein Arzt, an den ich mich in Madrid gewendet hatte, Arbeit als Psychologin im Krankenhaus La Paz an, um Unfallopfern mit Rückgratverletzung zu helfen und sie zu ermutigen. Selbstverständlich sagte ich zu. Ich selbst hatte ab dem ersten Tag nach dem Unfall beschlossen, die Situation positiv anzugehen, dem Unglück mit Optimismus und Lebenslust zu begegnen und weiter alles zu genießen, was mir das Leben bot. Zu diesen Plänen gehörte auch der Kinderwunsch. Ich fragte den Arzt, was ich tun musste, aber er antwortete, ich solle es absolut vergessen: „Das können Sie nicht riskieren, es ist gefährlich für können Sie. Völlig ausgeschlossen!“ Jesús und ich heirateten im November und Ende Dezember war ich bereits schwanger. Am Tag meines dreißigsten Geburtstags, am 23. Januar 1992, hatte ich eine Ultraschalluntersuchung. Der Arzt schaute Jesús und mich an und fragte: „Haben Sie Zwillinge in der Familie? Denn Sie erwarten Zwillinge.“ Das war natürlich eine Riesenüberraschung. Und eine Riesenfreude. Nach acht Monaten kamen zwei hübsche Mädchen mit 2.100 und 2.400 g Gewicht per Kaiserschnitt zur Welt. Leider mussten sie im Brutkasten liegen, selbst als ich schon entlassen worden war. Während dieser ersten Monate war mein Haus immer voller Angehörige, die sich um die Mädchen kümmerten… während ich nur zuschaute.

Dazu kam eine weitere wichtige Veränderung in meinem Leben. Ein neuer Direktor in La Paz entschied, dass die Stelle eines Psychologen für Rückenmarksverletzte nicht nötig sei, und ich wurde entlassen. Wie es der Zufall wollte, war aber kurz zuvor von Doktor García Reneses, der mit mir zusammenarbeitete, und von dem Professor für Präventivmedizin Dr. Rafael Herruzo die Vereinigung AESLEME gegründet worden. Die Idee zur Gründung von AESLEME kam nach einer Studie auf, die die beiden von 1980 bis 1990 durchführten und in der sie feststellten, dass sich in einem Jahrzehnt die Anzahl der Rückenmarksverletzungen verdreifacht hatte. Zudem sahen sie, dass die Haupt­ursache dafür der Straßenverkehr war und vor allem junge Menschen betroffen waren. Sie gründeten die Vereinigung mit zwei Zielen: einerseits zur Prävention von Verkehrsunfällen und andererseits, um die Gesellschaft hinsichtlich der Folgen eines Unfalls zu sensibilisieren. Anfangs richteten sich die Kampagnen an Kinder und Jugendliche, um diesen die Gefahren und deren Vermeidung zu zeigen. Sie sollten die richtige Reaktion nach einem Unfall kennen lernen und erfahren, wie sich ihr Leben durch eine plötzliche Behinderung ändern würde. Wir wollten klar die Botschaft herüberbringen, dass es jedem von uns passieren könnte… aber dass es ein Leben nach einer schweren Verletzung gibt, dass man sie überwinden kann.

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Wir begannen mit drei Personen, 3.000 Euro in der Kasse und einem Büro… in der Fakultät für Medizin (dem Büro von Professor Dr. Herruzo). Heute, fünfundzwanzig Jahre später, bringen wir es mit Mitarbeitern und Partnern auf über hundertachtzig Personen und wir organisieren acht bis zehn verschiedene Kam­pagnen jährlich, um an jedes mögliche Zielpublikum in Spanien zu gelangen: Schulen, Universitäten, Minderjährige, Militärakademien, Gefängnisse, Fahrschulen, Unternehmen… Für jede Gruppe werden eigene Gesprächsrunden ausgearbeitet.

Die Einnahmen haben glücklicherweise der Krise standgehalten, aber jedes Jahr beginnen wir wieder bei null, ohne zu wissen, was bei uns ankommen wird. Preise, öffentliche Subventionen, Privatunternehmen – manche spenden jedes Jahr, andere fallen aus, und fast alle kürzen ihre Beiträge (auch wenn wir mit dem Geld, das wir erhalten, dreimal so viel tun wie eine Stadtverwaltung oder Region). Für Langeweile bleibt mir natürlich keine Zeit; als Direktorin einer Vereinigung muss ich mich um alles kümmern. Ich bin für die externen Beziehungen zuständig, für Institutionen und Finanzen, für Finanzierungssuche und daneben auch noch für Kurse und Kongresse… was eben gerade anfällt. Besonders stolz bin ich darauf, dass AESLEME zu den fünfzig Nichtregierungsorganisationen gehört, die als „transparentes Unternehmen“ zertifiziert wurden – dies zusätzlich zum ISO-Standard für Qualität und Verkehrssicherheit. Im Lauf dieser fünfundzwanzig Jahre hat AESLEME knapp vier Millionen Menschen jeden Alters erreicht und sehr wichtige Dienste bei der Prävention und Sensibilisierung geleistet. Ich glaube, wir haben dazu beigetragen, „Leben zu retten und Behinderungen zu vermeiden“, und das ist eine sehr erfüllende Arbeit.

Auch mir hat AESLEME viel gegeben. Dank der Vereinigung hatte ich Gelegenheit, mich mit Ministern zu treffen und mit dem Königspaar zusammenzusein, ich habe Medaillen und Auszeichnungen erhalten – für AESLEME und die geleistete Arbeit – ich war die erste Frau im Aufsichtsrat von Pelayo (vor der 50%-Quote)… und dies alles trotz meiner Tetraplegie. Wahrscheinlich ist mein Leben viel reicher, als es früher war. Seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich ununterbrochen gearbeitet, weil mir von Anfang an klar war, dass ich von niemandem bemitleidet werden wollte. Ich würde mich innerlich wie äußerlich zurechtmachen und die gleiche Mar wie immer sein. Ein Physiotherapeut, dem die Arme fehlten, sagte mir eines Tages: „Mar, sie sollen dich nicht mitleidig ansehen, sondern voller Bewunderung – und das hängt nur von dir selbst ab.“ Dieser Satz hat sich mir eingeprägt und er hat mich mein Leben lang inspiriert.

Ich glaube, das ist die beste Art, den anderen zu helfen und sie zu inspirieren: Ich selbst sein, fröhlich, optimistisch, positiv, aktiv, und das anwenden, was ich „intuitive Therapie“ nenne. Zum Beispiel brachte ich den Mädchen bei, sich zu schminken, um ihr Selbstvertrauen zu stärken – das erste, was man verliert –; ich ging mit den Patienten ins Kino, zum Essen, damit sie sich daran gewöhnten, angestarrt zu werden und auch begannen, mit ihrer Behinderung natürlich umzugehen.

Wenn ich gefragt werde, ob ich glücklich bin, antworte ich, viel mehr als vor dem Unfall. Das hört sich vielleicht unglaubhaft an, ist aber die reine Wahrheit. Denn jetzt habe ich einen Ehemann und wundervolle Töchter, ich habe eine Arbeit, die mich begeistert, ich habe die Freunde von früher und die Freunde von heute, ich werde angerufen, um Vorträge in Privatunternehmen, Einrichtungen und Foren aller Art zu geben – was ich auf persönlicher Ebene erreicht habe, hätte ich als „normaler“ Mensch nie geschafft…

Was mich am meisten erfüllt, ist, den Opfern zu helfen. Über AESLEME, mit psychologischem Beistand oder bei mir zu Hause. Dort gebe ich ihnen etwas zu essen, und wir reden fünf Stunden lang. Sie sehen, wie normal mein Zuhause ist, dass ich eine Familie, Hobbys, Freunde, ein Leben habe. Sie denken, wenn sie aus dem Krankenhaus kommen, ist ihr Leben vorbei.

Die Beratung und die psychologische Unterstützung sind ganz wesentlich, genauso wichtig wie die Prävention und Sensibilisierung in der Gesellschaft. Das sind die drei Motive, die uns, die Mitarbeiter der Vereinigung, mit Unternehmen wie Gonvarri verbinden. Sie unterstützen uns, engagieren sich, glauben ehrlich an unsere Mission und machen sie sich zu eigen.

Diese Aufklärungsarbeit ist unverzichtbar. An dieser Stelle möchte ich betonen, wie wichtig es ist, dass die Gesellschaft – wie Gonvarri mit seiner Kampagne Emotional Driving – die Initiative ergreift und ein Beispiel gibt, und dass alle nötigen Mittel bereitgestellt werden, um vorzubeugen, aufzuklären und zu sensibilisieren. Wenn in allen Nachrichtensendungen nur wenige Minuten dieser Art von Kampagnen gewidmet würden, könnten unvorstellbar viele Leben gerettet werden, und unvorstellbar viele Opfer die Lebenslust zurückerhalten. Die Herausforderung ist da – wer tut den ersten Schritt?

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