Gustavo Almela

Leiter für institutionelle Beziehungen

AESLEME (spanische Vereinigung zur Erforschung von Rückenmarksverletzungen

Mit einundzwanzig Jahren hatte ich ein Leben, das man als „normal“ für einen jungen Mann in meinem Alter bezeichnen könnte. Ich studierte Betriebswirtschaft, hatte ein Auto (einen heruntergekommenen Land Rover, der für mich das beste Auto der Welt war), eine gutaussehende Freundin, tolle Freunde, verstand mich prächtig mit meiner Familie und arbeitete sogar an den Wochenenden (um mir mit dem Zuverdienst einen Skiurlaub in den Alpen leisten zu können)… Ein Leben in ganz klaren Bahnen.

Bis Weihnachten 1989.

Es geschah, als ich in Avoriaz mit einer Gruppe Freunden Ski fuhr, wie wir es jedes Jahr taten. Ich sprang, wie schon oft zuvor, nichts Besonderes, vielleicht ein bisschen angeberischer. Aber dieses Mal ging es schief: Die Skispitzen blieben im Schnee stecken, ich überschlug mich, schlug mit dem Kopf auf und brach mir den Hals an drei Stellen (die Halswirbel 1, 5 und 6). Trotz allem hatte ich Glück, denn der Bruch des ersten Halswirbels endet fast immer tödlich oder führt zu einer Lähmung vom Hals abwärts. Als ich aufstehen wollte, konnte ich mich schon nicht mehr bewegen. Nicht einen Muskel. Ich konnte nur sprechen. Meine Freunde fassten mich Gott sei Dank nicht an, hoben mich nicht hoch oder drehten mich um; das kann tödlich sein, wenn es nicht richtig gemacht wird. Das Rettungsteam kam nach wenigen Minuten; man legte mich auf eine Schaufeltrage (die unter dem Körper zusammengefügt wird) und flog mich im Hubschrauber zur Rettungsstelle. Dort wurde ich ohnmächtig.

Als ich aufwachte, war es schon Nacht, ich lag unbeweglich auf dem Rücken und sah das ganze Zimmer voller herumwirbelnder Federn. Ich dachte, ich sei schon im Himmel, aber man hatte mir nur den Anorak aufgeschnitten, um mich nicht zu bewegen.

Meine Eltern konnten verständigt werden und kamen von Madrid im Auto. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ihnen auf dieser Fahrt ergangen sein muss – zwölf oder fünfzehn Stunden mit dem Gedanken, dass ihr Sohn im Sterben lag (so war es auch). Ich wurde auf die Intensivstation des Universitätskrankenhauses von Grenoble überführt. Dort fixierten sie mir den Kopf und den Hals mit einem Spezialgerät, einem Fixateur aus Eisen, Schnüren, Winde und Gewichten, das sie mir während der ganzen Zeit in Grenoble nicht wieder abnahmen, auch nicht während der darauffolgenden dreiundsechzig Tage in Toledo. Überall hatte ich Schläuche, im Mund, in der Nase, Infusionen in den Armen…

Es vergingen mehrere Tage, immer in der gleichen Position, in unveränderter Lage. Sie operierten mich durch die Luftröhre und brachten mir eine Platte und Schrauben an der Wirbelsäule an. Endlich wurde ich einige Tage danach aus der Intensivstation entlassen und in eine reguläre Station verlegt. Ab diesem Augenblick beschloss ich zu kämpfen, mich nicht der Verzweiflung zu ergeben oder mich von dem Unglück besiegen zu lassen. Ich hatte das Glück, noch am Leben zu sein, meine Familie und meine Freunde um mich zu haben, von den besten Ärzten versorgt zu werden und (was ich erst später erfuhr), versichert zu sein – ein extrem wichtiger Punkt, den wir nie vergessen dürfen.

Nach wenigen Tagen wurde ich in das Krankenhaus für Querschnittsgelähmte in Toledo überführt. Dort lag ich weitere zwei Monate völlig bewegungslos auf dem Rücken. Ich dachte nach, träumte, erinnerte mich, wartete… Im Grunde kann man nichts anderes tun, nur warten. Und versuchen, nicht zu verzweifeln.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich zum ersten Mal einen Arm bewegte – nach Monaten, ohne einen einzigen Muskel gerührt zu haben. Mir kamen die Tränen. Ich begann, mich auf die Lage einzustellen und zu denken, dass ich es schaffen könnte, Schritt für Schritt. Ich wusste noch nicht genau, wie schwerwiegend meine Verletzung war und wann ich mein „normales“ Leben wiederhaben würde. Ich durchlief einzelne Phasen, fand heraus, was ich schaffen konnte und was ich nie wieder tun würde. Ganz allmählich machte ich Fortschritte und lernte, mit viel Willen und Hoffnung. Aber ich muss gestehen, dass ich auch Angst hatte. Während dieser dreiundsechzig Tage starben zwei Bekannte auf der Station, einer wegen einer medizinischen Komplikation und der andere… wegen eines Besäufnisses (er erstickte an seinem Erbrochenen). Es ist brutal, das zu erzählen, aber ich glaube, man sollte einfach wissen, auf welch absurde Weise man sterben kann.

In dieser grausamen Situation stellst du dir Fragen, auch wenn du noch so hart arbeitest, um voranzukommen: Werde ich leben oder sterben? Werde ich wieder laufen können? Werden mich meine Freunde verlassen, wird meine Familie mich noch lieben? Werde ich studieren, arbeiten, meine Freundin heiraten können? Du hinterfragst einfach alles, und weil du keine Antworten weißt, hast du Angst, und durch die Angst trittst du auf der Stelle. Ich weiß noch, dass ich mich den ganzen Tag lang bedauerte und hilflos jammerte, bis mein Vater eines Tages zu mir sagte: „Hör zu, mein Sohn, es ist ganz einfach: Du hättest vor vier Monaten eigentlich sterben sollen, also ist alles, was jetzt noch kommt, etwas Gutes.“

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Mein Vater hatte Recht. Ich fing an, mir Ziele zu setzen: zuerst einen Arm bewegen, zwei Korridore im Rollstuhl schaffen, zehn Minuten mehr üben… und ich nahm mir vor, mich mehr um meine Freunde und um meine Freundin zu bemühen. Meine Freunde waren immer da, sie ließen mich nicht im Stich, und später habe ich viele neue Freunde gefunden. Aber jeder muss an der Pflege von Freundschaften arbeiten, dafür ist eine positive Einstellung nötig. Ich versuchte, so zu sein, wie ich vorher war, und mich ihnen gegenüber genauso zu verhalten. Aber es war nicht leicht. Wenn wir essen gingen, mussten sie mich zu mehreren hochnehmen und ins Auto setzen; wenn mir der Urinbeutel herausrutschte (was öfter vorkam) mussten sie mich nach Hause bringen und umziehen, und obwohl sie ganz natürlich damit umgingen, wuchs in mir allmählich eine Wut auf die ganze Welt. Aber dann kam meine Mutter herein, wechselte mir die feuchte Hose mit einem Lächeln und sagte: „Raus mit euch, viel Spaß noch!“

Du musst dich nicht verändern – es ist ganz wichtig, dass du so weit wie möglich versuchst, dein früheres Leben weiterzuführen. Ich werde oft gefragt, was aus mir geworden wäre, wenn ich den Unfall nicht gehabt hätte. Meine ehrliche Antwort lautet: Ich habe keine Ahnung, ob es mir besser oder schlechter ergangen wäre – aber es wäre nicht mein Leben gewesen. Mein jetziges Leben ist, was ich habe, und ich muss mich durchkämpfen, es genießen und versuchen, damit so glücklich zu sein, wie es nur geht. Es hat keinen Sinn zu jammern und sich zu fragen: „Warum musste mir dieses schreckliche Unglück geschehen?“ Man darf sich nicht fragen „warum“, sondern „wozu“, und die Antwort lautet: um zu würdigen, was im Leben wirklich wichtig ist. Diese kleinen Dinge. Ich schätze mich glücklich, wenn ich mit meinen Freunden etwas trinken gehe, und ich bin dankbar dafür, dass ich eine Wohnung in Denia habe und ein Eis essen oder spazieren fahren kann…

Nach vielem Überlegen beschloss ich, mein Studium aufzugeben (es gefiel mir sowieso nicht, und ich war auch ziemlich schlecht darin), und ein Onkel bot mir an, in ein neues Projekt einzusteigen, das er aufbaute: Ein Unternehmen zur Fondsverwaltung, in dem ich zehn Jahre meines Lebens verbrachte. Ich arbeitete hart und bildete mich zur Fachkraft aus. In diesen Jahren war ich sehr glücklich; ich lernte sehr viel, aber es war körperlich sehr anstrengend, und schließlich war ich erschöpft und hatte viele Schmerzen. Daher beschloss ich, meinem Lebensweg eine Wende zu geben.

Auf diesem Weg hatte ich das riesige Glück, Mar Cogollos zu begegnen, die schon bei AESLEME war. Ich begann, mit der Vereinigung zusammenzuarbeiten und Gesprächsrunden in Schulen zu halten. Dann engagierte ich mich immer mehr, war als Schriftführer und Leiter für externe Beziehungen, Verantwortlicher für Sponsoren und Subventionen im Vorstand tätig. Eine Ehre. Ich hatte wirkliches Glück, dass ich mehr als dreizehn Jahre meines Lebens mit Mar und mit der ganzen Familie bei AESLEME verbringen durfte. Vor allem mit Mar, denn sie ist einer dieser Menschen mit medizinischer Wirkung, die dir positive Energie einflößen, immer ein Lächeln für dich bereithalten und an deren Seite du ständig etwas Neues lernst.

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2013 hatte ich wieder mehr körperliche Probleme und sagte mir, dass ich die Dinge etwas ruhiger angehen müsse. Nach über zwanzig Jahren Berufstätigkeit beschloss ich, andere Schwerpunkte zu setzen. Ich gab die tägliche Büroarbeit auf, arbeitete aber trotzdem weiter mit der Vereinigung zusammen. Jetzt konzen­trierte ich mich auf die Gesprächsrunden.

Nach so vielen Jahren körperlicher Überanstrengung beantragte ich die Anerkennung als Schwerbehinderter, die aber abgelehnt wurde; ich glaube, ich bin der erste Tetraplegiker in Spanien, dem sie verweigert wurde! Das hat mich persönlich und auch finanziell sehr geschmerzt, denn ich hätte meiner Familie besser beistehen können. Aber dann beschloss ich, mir davon nicht das Leben verbittern zu lassen; ich würde mir weniger vornehmen, aber weitermachen. Sie haben nicht verdient, dass ich ihretwegen leide.

Unter anderem begann ich, an der Fernuniversität UNED Geschichte zu studieren, meine große Leidenschaft – auch, um geistig aktiv zu bleiben und mir ein neues Ziel zu setzen. Es ist wichtig, sich immer wieder Neues vorzunehmen. Das hält uns lebendig.

Denn das Leben endet nicht mit einer Verletzung wie meiner. Es gibt noch ein anderes Leben, das weder besser noch schlechter ist – einfach das, was uns getroffen hat. Weshalb soll ich um das Verlorene jammern, auch wenn es viel ist, wenn ich das genießen kann, was mir noch bleibt? Und auch das ist viel: Sport, Familie, Freunde, Reisen, Pläne, Bücher… und vor allem reichlich Sinn für Humor. Das ist oft unsere Rettung.

Der Rollstuhl bedeutet nicht das Ende des Lebens, aber jeder kann im Rollstuhl enden – wegen einer dummen Unvorsichtigkeit, aus Pech, oder wie wir es nennen möchten. Oft ließe sich das ganz einfach mit Vorsichtsmaßnahmen verhindern. Mit ein bisschen Aufmerksamkeit. Vor allem im Auto.

Ich hatte auch ein schreckliches Erlebnis auf der Straße. An meinem ersten freien Wochenende in Toledo, fünf Monate nach dem Unfall, organisierten meine Cousins für mich eine Party in der Nähe von Madrid. Um drei Uhr morgens kamen mich meine Eltern abholen und auf der Rückfahrt stieß ein junger Mann, der ordentlich getankt hatte, brutal mit uns zusammen. Wir wurden von einer Leitplanke zur anderen geschleudert und der Wagen überschlug sich mitten auf der Straße. Totalschaden. Mir rettete der Sicherheitsgurt das Leben und meinem Vater auch. Aber als wir nach hinten schauten, um zu sehen, wie es meiner Mutter ging… war sie weg. Sie war aus dem hinteren Fenster geschleudert worden und 150 Meter vom Auto auf die Straße gestürzt, mitten in der Nacht und bei dichtem, schnell fahrendem Verkehr. Wie durch ein Wunder war ihr nichts geschehen, außer einem Schädel-Hirn-Trauma ohne Folgen.

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Meine Botschaft: Niemand, absolut niemand hat das Recht, einen Unfall zu verursachen, der andere Menschen das Leben kosten kann, nur um sich zu vergnügen und ein paar Gläser zu trinken. Meiner Mutter wäre das um ein Haar geschehen, und das wäre so ungerecht gewesen – ich selbst hätte es wahrscheinlich nicht überstanden. Es hätte uns alle umbringen können. So darf man nicht mit dem Leben der anderen spielen.

Das Grundproblem ist, dass junge Menschen eine falsche oder fehlende Risikowahrnehmung haben. Nicht nur im Auto: Sie springen ins Schwimmbad, treiben Risikosport, fahren Motorrad, vergnügen sich am Strand, in Windstürmen, schauen aufs Handy, während sie die Straße überqueren… Daher ist es so wichtig, dass mehr Schulungs- und Aufklärungskampagnen stattfinden, und zwar auf allen Ebenen: in den Familien, in den Schulen, in den Unternehmen, im Fernsehen. Daran arbeiten wir bei AESLEME: Wir versuchen zu erreichen, dass sie die Folgen sehen, sich der Gefahren bewusster werden und mehr wissen. Sie müssen lernen, das Leben zu genießen, aber dabei ihren Kopf zu gebrauchen. Daher ist die Arbeit von „Emotional Driving“ so wichtig. Diese Initiative sollte in der ganzen Gesellschaft verbreitet werden.

Wir bauen immer sicherere Autos, planen sicherere Straßen, aber wir bilden keine sichereren Fahrer aus. Ich rede nicht von Unfällen, Zahlen und Statistiken, sondern von Menschenleben. Von deinem, von meinem. Daher ist eine gute Sicherheits- und Werteerziehung so wichtig, um für sich selbst und für die anderen verantwortlich zu handeln. Das Leben ist zu kostbar, um es zu verspielen, nur um ein bisschen früher anzukommen.

 

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