Sonia Prieto
Direktionssekretärin
Gonvarri Steel Services

Eine Tote und neun Personen mit Verletzungen verschiedenen Grades, als ein Sattelschlepper auf der M-50 sieben PKWs überrollte. Es handelt sich um den schwersten Unfall in diesem Gebiet während der ersten „Operation Ausfahrt zu Beginn der Ferien” dieses Sommers (Beilage M2, El Mundo, Madrid, 30. Juli 2010).

Wenn wir Schlagzeilen wie diese in den Zeitungen lesen, denken wir sofort, dass so ein Unglück nur anderen zustößt und nie, dass wir selbst Hauptdarsteller einer solchen Nachricht sein könnten. In diesem Falle bezog sich diese Schlagzeile aber leider auch auf mich.

An diesem Freitag, dem 2. Juli 2010, mitten in der „Operation Ausfahrt zu Beginn der Ferien” beendete ich meinen Arbeitstag wie an vielen anderen Freitagen. Ich war im siebten Monat schwanger und freute mich auf das Training zur Geburtsvorbereitung, das heute beginnen sollte. Wie immer fuhr ich auf der M-50 nach Hause. Ich sah, wie es zu einem Stau kam, das ist ja normal, dachte ich. Ich bremste ab, hielt an und warnte den Fahrer hinter mir. Plötzlich sah ich seitlich von mir, wie Autoteile durch die Luft flogen und gleichzeitig Fahrzeuge zusammenstießen. Acht oder neun Zusammenstöße. Ein fürchterliches Krachen. Ich dachte nur: „Um Gottes willen, ich bin doch schwanger!”, denn auch mein Wagen erlitt mehrere Stöße. Der letzte Stoß, das letzte Krachen war entsetzlich. Und dann hielt plötzlich alles an und es herrschte absolute Stille.

Ich war wie gelähmt, entsetzt. Als erstes sah ich nach, ob ich blutete. Dann stieg ich aus dem Fahrzeug und sah einen riesigen LKW, fast direkt über mir, der das Vorderteil meines Wagens komplett abgerissen hatte. Ich erinnere mich, wie ich um mich sah, überall zerfetzte Auto, schreiende und weinende Menschen, die ziellos hin- und herliefen. Ein völliges Chaos. Es war wie ein schrecklicher Film, ich konnte nicht anders, als in Tränen ausbrechen.

Ich machte mir nur Sorgen um meine Tochter und fragte alle um mich herum „Blute ich, blute ich?”. Zum Glück war meiner Tochter nichts geschehen, aber das erfuhr ich erst später.

Verursacht wurde der Unfall von einem Wagen, der versuchte, sich in die Fahrbahn einzufädeln und quer zur Fahrtrichtung stehen blieb. Als der LKW kam, der kaum Zeit hatte zu bremsen – wir standen alle still, kippte der Trailer um und riss alle Fahrzeuge mit sich, die in seinem Weg standen. Das Fahrzeug vor mir kam unter den Stoßdämpfer des LKWs, der Fahrer wurde mit einem Hubschrauber evakuiert. Das Auto, das den Unfall verursacht hatte, kam am schlimmsten weg, die Beifahrerin starb und die Fahrerin wurde invalid. Nachträglich las ich dann, dass es viele Verletzte gab, auch einige Schwerverletzte. Mein Wagen hatte sich in eine Straßenlaterne verkeilt, war auf meiner Seite unversehrt, auf der anderen Seite und vorne vollkommen zerstört. Ich hatte riesiges Glück gehabt und einen gütigen Schutzengel.

Coche de Sonia tras el accidente

Ich stand unter Schock. Ich versuchte, mit meinem Mann zu sprechen, während eine völlig verstörte Unbekannte versuchte, mir das Handy zu entreißen. Dann kamen die Rettungswagen, die Feuerwehrleute (die ganz phantastisch waren, professionell und so liebevoll und freundlich) und auch mein Mann, Ricardo. Ich war so nervös, dass ich immer nur sagte: „Du wirst mich umbringen, ich habe dein Auto zu Schrott gefahren. Obwohl, es war ja nicht meine Schuld”. Eine surrealistische Situation.

Man brachte mich ins Krankenhaus, wo man alle möglichen Untersuchungen und Tests durchführte. Man sagte mir, alles sei in Ordnung, ich hätte Glück gehabt. Aber ich glaubte es nicht ganz, weil ich die Bewegungen meiner Tochter nicht mehr spürte. Man versicherte mir, das sei völlig normal, eine Auswirkung des Schocks, den auch meine Tochter erlitten hatte. So wurde ich nach Hause entlassen, mit einer Halswirbelstütze (der Sicherheitsgurt für Schwangere hatte mir das Leben gerettet, aber ich hatte einen Riss am Halswirbel davongetragen). Ich spürte meine Tochter immer noch nicht und begann, mich furchtbar zu ängstigen. Hinzu kam der ganze Papierkrieg, die ärztlichen Untersuchungen. Die Besuche bei der Versicherung, die Polizei, die mich anrief, denn ich sollte eine Aussage machen. Es entstand bei mir ein riesiger Gefühlswust, noch verstärkt durch meine Schwangerschaft. Ich konnte nur schwer einschlafen, hatte Alpträume, hörte nachts die Sirenen heulen und benötigte psychologische Hilfe.

Natürlich war ich außerstande, ein Auto zu fahren. Jedes Mal, wenn ich in ein Auto steigen musste (fast täglich, weil ich zum Arzt musste, zur Krankenkasse, zum Psychologen), kamen mir vor Anspannung die Tränen. Ich hatte fürchterliche Angst, glaubte immerzu, dass wir einen Unfall haben würden (hier muss ich meinem Mann für seine unendliche Geduld danken). Außerdem dauerte es einen Monat bis ich schließlich meine Tochter Paula wieder spürte, die immer noch unter der Auswirkung des Schocks stand. Das Einzige, was ich mir wünschte, war, dass meine Tochter zur Welt käme, dass diese Folter endlich aufhörte, die schreckliche Sorge, die Angst.

Dann kam schließlich die Geburt und alles ging gut, aber ich traute mich nicht, meine Tochter mit ins Auto zu nehmen. Mein Mann brachte mich zur Arbeit, aber ich war so verängstigt, dass ich am Ziel weinend aus dem Auto stieg und fast den Boden geküsst hätte vor Erleichterung. Später erfuhr ich dann, dass es sich hier um eine Amaxophobie (Fahrangst) genannte Krankheit handelt. Erst sechs Monate später traute ich mich wieder ans Steuerrad.

Mein Mann ermunterte mich zum Fahren. Sonntags, ohne Verkehr, langsam, langsam…, aber ich antwortete nur: „Ich kann nicht, ich kann einfach nicht!” Schließlich fasste ich mir ein Herz und versuchte es, meiner Tochter, meiner Arbeit zuliebe… Aber leicht war es nicht, manchmal wollte ich einfach nichts anderes als anhalten und aussteigen, mitten auf der Straße. Alles verschwamm mir vor den Augen, die Beine wollten mich nicht tragen, und ich dachte: „Los jetzt, Sonia, ein Stück weiter, mach es für Paula”, und dann fuhr ich noch ein Stück und noch ein Stück und kam schließlich an meiner Arbeitsstätte an. Ohne die Hilfe meines Mannes, meiner Eltern und Geschwister, meiner kleinen Tochter hätte ich das nie geschafft. In solchen Situationen wirst du dir bewusst, wie wichtig deine Familie für dich ist, und du für deine Familie.

Es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich wieder in der Lage war, das Radio im Auto einzuschalten, denn ich war wohl so konzentriert, so angespannt, dass ich in Tränen ausbrach, wenn ich schließlich ankam, besonders am Anfang. Für mich war es wirklich ein Triumph, allein im Auto anzukommen. Bei Regen und Nebel übernahm die Selbstbeherrschung das Kommando. Ich bin an sich ein sehr positiver Mensch, aber es ging mir damals wirklich hundsmiserabel. Wichtig war aber, dass ich nicht aufgab. Ich musste dagegen ankämpfen, konnte nicht dauernd meinen Mann in Anspruch nehmen, der immer alles für mich getan hatte, das war nicht gerecht, weder ihm noch anderen gegenüber.

Jetzt bin ich so weit, dass ich wieder völlig ruhig an meiner Arbeitsstätte ankomme, denn mein Ziel ist es anzukommen. Fünf Jahre sind bereits seit diesem Unfall vergangen, aber immer noch gibt es Situation,en in denen ich mich am Steuer gestresst fühle. Ich fahre nie während einer „Operation Ausfahrt zu Beginn der Ferien”, wähle für Fahrten stets einen Zeitpunkt mit wenig Verkehr, achte peinlich auf die Sicherheitsmaßnahmen, den Sicherheitsgurt, die Blinklichter, den Kindersitz, halte einen übertriebenen Sicherheitsabstand ein, umso mehr, wenn ich Paula bei mir im Wagen habe, und trotzdem denke ich immer noch, dass die anderen Autos mit meinem zusammenstoßen werden.

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Wenn der Unfall etwas Gutes mit sich gebracht hat, dann, dass ich jetzt sehr viel vorsichtiger fahre. Das ist bei den meisten spanischen Autofahrern nicht der Fall, denn ich glaube, dass es uns hier an Verkehrserziehung mangelt, etwas, was wir von Kind auf lernen sollten. Wir Erwachsenen sind in dieser Hinsicht leider ein wenig „wild”, und brauchen dringend eine Auffrischung des Erlernten, indem wir uns die Verkehrsregeln erneut in Erinnerung rufen und wieder vorsichtiger werden.

Eine weitere positive Erfahrung, die ich bei alledem gemacht habe, war das Verhalten meiner Kollegen, meiner Vorgesetzten, des gesamten Unternehmens, einschließlich des Vorsitzenden. Alle waren unglaublich nett zu mir, ich finde kaum Worte, um für die Herzlichkeit und all das Entgegenkommen zu danken, das ich erfahren habe. Gonvarri ist in dieser Hinsicht ein ganz besonderes Unternehmen. Die Arbeitsatmosphäre ist sehr familiär. Ich habe das große Glück, gern zur Arbeit zu gehen.

Emotional Driving ist deshalb meiner Meinung nach eine gute und notwendige Initiative. Sie hat mich berührt und großen Eindruck auf mich gemacht. Die Worte des Vorsitzenden und aller Führungskräfte, die so menschlich und anrührend waren, haben mich tief bewegt, die Videos, die Erlebnisberichte der Betroffenen, des Physiotherapeuten, des Feuerwehrmannes. Es war so beeindruckend, ich erinnere mich an die Freundlichkeit, den Humor, die Professionalität…(die Arbeit dieser Personen wissen wir ja erst dann zu schätzen, wenn wir sie benötigen). Es war auch wunderbar, dass sich alle beteiligten, mit Sätzen über das, was uns zum Fahren motiviert (ich gewann sogar einen Preis). Und natürlich waren da noch die Simula­tio­nen, die mich besonders beeindruckt haben.

Viele Kollegen kamen zu mir und fragten mich , was ich bei dem Unfall durchgemacht hatte und gaben zu, dass diese Erlebnisberichte und Erfahrungen ihnen nahegegangen waren. Einige sagten mir, dass sie jetzt einen größeren Sicherheitsabstand einhalten oder etwas langsamer fahren oder besonders auf die Sicherheit achten, wenn sie ihre Kinder mit im Auto haben, das ist wunderbar. Für mich ist es sehr wichtig zu sehen, dass die von mir gemachte Erfahrung oder die der anderen Vortragenden von den Teilnehmern verinnerlicht worden ist. Wir sind uns dessen nicht bewusst, dass ein Augenblick ausreicht, um unser Leben für immer zu verändern. Eine CD, das Navi, das Handy, die geringste Ablenkung. Wir sehen nicht, wie gefährlich das sein kann, für uns selbst und die anderen. Wir wurden alle gewarnt,, denken aber stets, dass schwere Unfälle nur anderen passieren.

Nach der Erfahrung des Emotional Driving sieht man, dass die Leute sicherheitsbewusster aus dem Urlaub zurückkommen, und das ist wirklich wichtig. Das war eine Lehre fürs Leben, ohne sie selbst erleiden zu müssen, wie in meinem Falle. Ich freue mich aber, dass ich darüber sprechen und den positiven Aspekt des von mir Erlebten an andere weitergeben kann, so dass andere diese Erfahrung machen können.

Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass ich hier sein kann, und für das, was ich erlebt habe. Für mich ist es das größte Geschenk, dass es mir gut geht und meiner Tochter auch. Das ist das Allerwichtigste.

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